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Fernweh "Das
Heimweh und das Fernweh
bezeichnen den Drang nach einem bestimmten entfernten Ort. Während
Fernweh den Wunsch nach neuen Erfahrungen bezeichnet, führt Heimweh
("Schweizer Krankheit") zur Sehnsucht nach der Sicherheit
und Geborgenheit des Bekannten. [...] Nach der psychologischen
Reaktanztheorie (J.W. Brehm, 1966) versucht das Individuum die
Beeinflussung seiner Freiheit so abzuwehren, indem er dazu tendiert,
die nicht angebotenen oder nicht verfügbaren Alternativen als
attraktiver anzusehen.
[...]" (wikipedia.org)
Fernweh
Die
ersten Sonnenstrahlen schreiben Verlockung groß. Bringen auf
unmittelbare Tuchfühlung mit als vermisst aufgegebenem Sehnen und
Träumen, kitzeln den Geist, mobilisieren die Tat, provozieren die
Kraft und konfrontierten mit dem, was man wohl Leben nennt. Esprit
und Idee schütteln den Nachtschlaf ab, das eigene Lächeln steckt
an, Liebe ist kaum länger Worthülse mehr, gesellt sich zur Freude
und Zuversicht hinzu.
Im
Kontakt mit dem Ich, seltene Präsenz der Seele, ein Du erscheint
uns weniger entfernt.
Zeitgleich
nichts, was mich länger an Ort und Stelle hält, auf der Suche nach
Heimat in der Fremde, nach Begegnung mit mir selbst. Ich habe
Fernweh.
Die
schönsten Bilder glorreicher Erinnerung ziehen vorüber, lassen
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht länger verschiedenes
sein. Der Geruch von Freiheit, Lust und Erfüllung vermischt sich
mit dem Duft nach Meer, Wind und Wüste. Pulsierende Wärme wird nur
gewähnt, und erscheint doch so nah, als könnte ich sie greifen.
Wohin
darf die Reise gehn? fragt das ferne Weh und verstaut mich, sich
selbst und die Erwartung von Glück in einer Tasche aus edelstem
Linnen. Ich löse mir eine Fahrkarte ins innerste Selbst, gehe nach
draußen und atme seidene Luft.
Bereits
etliche Reisen unternahm ich mit fernsuchendem Weh, wir kennen uns
gut - verstehen genau. Dunstener Eindruck, Stimmung und Erlebnis
keimen auf, verdichten sich zu Hier und Heute, formen schwadenes,
inkonkretes Jetzt. Eine Ahnung wird laut, das Empfinden sensibler -
ich bin endlich wieder ewig Ich.
Wie
ist es hier, in den fernen Welten? Sitze Seite an Seite mit dem
Fernweh am Feuer, wir tauschen Geschichten, erfühlen uns stumm.
Spielen Lieder, die keine Noten kennen, träumen uns in Atmosphäre,
die keinen Namen hat. Wir sind eins, das Fernweh und ich, alleine
mit uns und doch jeder für sich. Folgen einjeder den eignen
Gedanken und gewähren uns doch stete Zweisamkeit.
Ein
anderes Mal auf den Stufen der Plaza, Jugend und Leichte bilden den
sitzenden Kreis. Die Stimmung ist heiter, das Lachen gelöst,
niemand, der hier an ein Morgen denkt. Am Abend werden wir endlos
tanzen, auf den Straßen die Nacht uns zum Tage erheben. Lichtheller
Schauplatz, flimmernde Wärme, das Spiel von Amore und mittendrin
wir. Vitale Distanz küsst lockende Anmut, alleine bleibt niemand,
auch nicht Fernweh und ich.
Am
jungen Morgen reisen wir weiter, nehmen exotische Kulisse nun zu
zeitnahem Ziel. Hier eint sich Märchen mit Fremde und Zither,
Klischees klingen an, die Düfte sind neu. Wir umarmen die Ferne,
begrüßen Farben und Formen, sammeln Türkisblau und Sehnsucht,
stechen Kokosnuss an. Nichts scheint bekannt, nicht einmal Ich
einem Fernweh, ein Reichen der Hände, bilden Wall gegen Lärm.
Mischen Gewürze mit Mustenr, tunken Liebe in Freude, geben
Leben hinzu, haben Labsal gemixt. Trinken Rotwein und Nachtschwarz,
lauschen Klängen und Süße, betört und benommen wird Schwindel
gefühlt.
Weiter
geht es in wilde Welten, der Westen ist nah, er braucht keinen Ruf.
Tanken Adventure, Ekstase und Freiheit, folgen Straßen nach Süden,
den Fahrtwind im Ohr. Staub knirscht unter schweren Rädern,
bereitet glattem Asphalt den wechselnden Platz. Die Umgebung wandelt
minütlich, sekündlich, gefolgt von Stunden gar heilender
Monotonie. Geschärfter Fokus, Leben in Echtzeit, geträumtes Real,
es kennt Gestalt. Schustern uns jeder eigens autarkes Credo, nehmen
uns beim Gedanken und sprechen kein Wort. Begleitet allein von den
Lauten der Straße, Rabatz brüskiert Stille, stellen den Empfang
auf laut.
Nicht
lange danach die Lichter der Großstadt, Reiz, Information,
Kopfschmerz und Krach. Fühle wundersam Heimat, dies sind wir
gewohnt, hier sind wir die Kings, das Fernweh und ich. Tauchen ein
in wenig schmeichelnden Background, erobern Hochburg des Irrsinns,
schreiben Dialog und Eklat. Suchen uns Bühne, erklimmen Reklame,
buchstabieren das Spotlight, ziehen sodann eine dunkle Ecke vor.
Enge gebiert Weite, Seinsart nach gusto, Vielfalt im Grau und geübtes
Temporeich. Relaxen in Hektik, sich erholen im Stress, das kann wohl
nicht jeder, aber das Fernweh und ich.
Kraftvolle
Stürme, die Rauheit des Meeres, taufende Gischt und stiebender
Sand. Wir sind jetzt im Norden, besuchen die Ruhe, tauschen Weisheit
mit Neptun, das Fernweh und ich. Hier ist sie die Tiefe, der Sinn
und die Fragen, wir suchen nach Seele, das Fernweh und ich.
Authentische Kälte, Erfrischung des Geistes, bedeutsame Schwere,
weder Schnickschnack noch Kitsch. Hier sind sie ehrlich, das Land
und das Leben, beweist sich das Wahre, bleibt nichts, was umgarnt.
Wir gönnen uns Nebel, gewinnen den Fokus, kehren ein ineinander,
und zurück in uns selbst. Wir sind wieder bei uns, nichts ging
verloren, haben uns vergewissert, schöpften neuen Elan.
Zurück
in die Sonne, unter Menschen und Zelte, wir zählen die Sterne,
spielen Liebe im Sand. Das Fernweh schwört Treue, wir flüstern uns
Namen, vergessen die Eide und geloben uns neu. Grillen untermalen
lebendige Träume, schwüle Hitze ersetzt den schwereren Stoff. Wir
fangen uns Leben, lauschen Tönen und Stimmen, entschlummern
distanzvoll, das Fernweh und ich.
Wir
wechseln die Zeitspur, sagen Ciao und Ade, nehmen Pfad in die Ferne
und Flug gen irgendwo. Zwischen Kirschblut und Pastellen, Stil wie
zarte Linien, berühren nochmals ein Anders, ertasten Tempel und
Virtuosität. Kleine Menschen sprechen utopische Sprache, hier sind
wir fremd, und fremd ist auch uns. Lernen Sprache und Weise, den
Feinsinn des Ausdrucks, erfahren Terme und Tempo, bestaunen rosanen
Schnee. Hier lässt's sich leben, vielleicht nicht für immer,
nehmen mit, was wir können, das Fernweh und ich.
Ein
Ritt in die Wüste, Entfernungen weiter, verdauen das Neue, der
Sattel ein Thron. Glutrote Sonne, sternklarer Himmel, bestechende
Weite, nur das Fernweh und ich. Wenn es das gibt, Wahrheit und
Echtheit, dann ist es hier, wie das Fernweh und ich. Wandernde Dünen,
Fata Morgana, Klarheit und Wissen – mein einziges Gepäck.
Keinerlei Schnörkel und dennoch der Zauber, karges Nichts ist
gleich Gott. Wir sind verloren, wie dennoch sicher, gleichzeitig
klein, als auch unendlich groß. Der Horizont spielt andauernd
Streiche, vakantes Omniversum, ein Globus für uns.
Dann
die Begegnung mit Oase und Lehmhaus, treffen Tänze und Schatten,
Beduinenvolk. Ersehen Zähheit und Anmut, gekerbte Schönheit im
Schlichten, studieren Rhythmus und Regeln, ehren den Stolz.
Gemeinschaft wie Frohsinn, Eremit treibt Kamele - eine eigene Welt
und wir haben teil.
Wir
suchen Geheimnis, Magie und Okkulte, reisen nun weiter, das Fernweh
und ich. Hier wird versprochen, was real sonst kaum meint, bestechen
die Krypten, lassen ahnen, was ist. Wähnen und Ergreifen eines
tieferen Sinns, Erregung durch Vermutung, raten, wer wir sind. Im
Schulterschluss mit verborgenem Vermögen, Erwägen und Hoffen, im
Kontakt mit Potential. Kitzel einer Sehnsucht, fließende Schauer, Gänsehaut
in Stete, Neugier in Aktion. Suchende Schau grast wolkigen Himmel
ab, die Götter schenken den gehaltvollen Blick. Seele trifft Schöpfer,
wir hoffen auf Zukunft, proben die Demut und grüßen ein Heim. Ins
Licht aus dem Dunkel, aus der Nacht in den Tag, verlassen das
Gestern und betreten ein Jetzt.
Nun
ist uns nach Teatime, nach Mode und Klasse, gepflegter Snobismus,
Intellekt und Kultur. Genießen Verwandtes, das Multi von Leben,
veredelten Umgang wie gehobene Tradition. Graufarbe und Buntheit,
sie sind eins, und nicht zwei, genäselter Wortlaut, konstantes Maß
an Lethargie. Belesene Gleichform trifft exzentrischen Queer, übergeht
ihn gelassen, zieht weiter, in die Lounge. Frönt Häppchen und
Smalltalk, nippt am Glas und wippt Füße, übt sich im Lächeln,
wahrt beständig Kontenance. So lässt’s sich leben, sagt das
Fernweh vergnüglich, auch ich spüre Wohltat und gebe gerne
mein Ja.
Glut
in den Blicken, temperamento und Pfeffer, pilgern gen Festzeit, das
Fernweh und ich. Inbrunst und Pathos, Eros küsst Fiebertraum,
suchen das Leben, das noch begehrt. Hier ist sie heimisch, die ewige
Sonne, des Wagemuts Nahrung und die auch des Sturms. Weniger Sorgen,
mehr Expressionen, impulsive Gangart, das Herz tanzt frei. Feiern
Bewegung, stillen den Hunger, wecken die Neugier und löschen den
Durst.
Nur
ein bisschen, wollen Wartung, brauchen Füllung, für ein Fort.
Nimm
nicht ernst das, was hier gesagt wird, was Dir begegnet und Dir hier
geschieht. Doch nimm ernst das, was Dich antreibt, was Szenerie
sucht und was Dich sehnt. Fühle Bindung, wo Verständnis ist, Verständnis
für das Bindungslos. Denn dies eint Dich, mit den wenigen, mit den
besonderen, die dies teilen.
Zeit
zum Aufbruch, es warten Ziele, in diesem Fall ein gesamter
Kontinent. Lichtscheuer Dschungel nebst Kolonialstaat – nur ein
Ausschnitt, und doch die Welt. Spielen Herren und Damen, bereisen
Steppe und Dörfer, erwecken Lebensart aus einer längst vergessnen
Zeit. Belebte Märkte, quirliges Treiben, Menge an Eindruck,
ungekannte Ausdrucksform. Am Abend dann Stille, Frieden der Dämmerung,
Platz auf der Veranda und Sicht auf den Horizont. Grüßen Riesen in
der Ferne, schauen Endlosigkeit, mehr als reichlich, für uns zwei.
Nur
ein Abglanz vergangner Tage, dennoch stolz und schön genug.
Exkursionen, die erinnern, dass einzig Leben ist, was die Idee
beschreibt.
Zuletzt
noch Blockhaus, Wolf und Bären, back to nature, fast ein Zuviel.
Erfahren Wildnis, strenge Einsamkeit, Gruß des Einfachen, Pracht
der Natur. Essen Zwieback, schüren eine Feuerbrunst, wärmen den
andern und sind zu zweit. Fangen Mücken, zelebrieren Bruderschaft,
gehen baden, pflegen Konversation.
Und
was jetzt nun? fragt das Fernweh. Befragt das Heimweh, unsern
Kumpan. Stiller Weggefährt, seit ein paar Tagen nun, hat sich zu
uns gesellt, nimmt uns in Bann. Trübt die Zweisamkeit, und das
Erlebnis, ermüdet Fernweh, erschöpft auch mich. Kurzer
Meinungstausch, empfinden einiglich, möchten heimwärts, wenn
vielleicht auch nicht lang.
Ein
letztes Warten, auf die Ankunft, nehmen den Zug und verprassen die
Zeit. Kommen nun langsam an, schwelgen im Gedankenfluss, sortieren
Bilder und ordnen einen Traum. Die Phantasie allein führt Regie
jetzt, sinniert Gewesenes und gleitet ab. Mein Kopf bettet sich an
Schulter, in Fernwehs Armen, schließe die Augen und fühle mich mir
nah. Fernweh behütet mich, bewacht die Ruhe, gewährt innigen
Frieden, im Zwiegespräch nur mit sich selbst. Fühlen Einigkeit,
stumme Vertrautheit, ein Gegenüber ganz wie wir selbst.
Der
Blick nach draußen, Weg führt nun rückwärts, Ziel stückweit näher
– bald sind wir da.
Retour
für uns zwei nun, Seite an Seite, zurück nach Hause - Fernweh und
ich.
©
Saskia Katharina Krost
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