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Okt. 15 |
Hurra, ich bin selbständig!
Die
Zahl der Selbständigen steigt. Ich-AG und mangelnde Alternativen
bekräftigen diesen Trend, das Saldo der Existenz- und
Unternehmensgründungen verzeichnet seit 2004 eine steile Aufwärtskurve.
Eine Entwicklung, die nicht zuletzt ihren unbedingten Einfluss auf
die tendenziell rückläufige Zahl der Erwerblosen zeigt.
Deutschland zeigt Mut und Tatendrang, belohnt wird der Mutige in den
seltensten Fällen. Denn während es zunehmend mehr Menschen
vorziehen, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen, und davon
ablassen, die Suche nach der beruflichen Perspektive einem längst
abgelebten System zu überlassen, wartet an der Pforte zur Selbständigkeit
bereits der Hüter einer ewig gestrigen Tradition. Die Bürokratie
hat dem Gewerbetreibenden den Kampf angesagt, und wer den
Papierkrieg überlebt, den fressen die laufenden Kosten. Willkommen
in der Selbständigkeit! flüstern die Ämter, Kassen und Banken.
Und bevor wir auch nur einen einzigen Cent verdienten, summieren
sich unsere Ausgaben zu einem beachtlichen Posten. Heureka! möchten
wir selbst inzwischen meinen. Denn endlich haben wir begriffen, wie
verhältnismäßig bequem dagegen das Leben als Lohnsklave ist.
Liebes Deutschland, wann machst du die Eigenverantwortung bezahlbar?
Der
Unternehmer,
der Geschäftsmann, der Firmenchef – das sind unserem Denken überwiegend
immer noch die Großkopferten, die wenigen Menschen mit den
besonderen Führungsqualitäten, in ihren Eigenschaften extraordinär
begabt, begünstigt, gebildet und/oder gerissen, und, wenn es gut
geht, mit Geld wie Heu. Ein Denken, das eine Tradition so alt wie
das Gesinde hat, das uns an den Großgrundbesitzer und einstige
Lehnsherrschaft erinnert, und von dem sich auch unsere moderne
Gesellschaft nur schwerlich abbringen lässt. Dass jedoch unter Umständen
etwas sehr Naturgemäßes und Unspektakuläres darin liegt,
selbstbestimmt und ohne Gebrauchsanleitung für unseren direkten
Lebensunterhalt zu sorgen, haben wir mit den Jägern und Sammlern
scheinbar verlernt.
Haben
Sie das Zeug zum Unternehmer?
Eignen Sie sich für die Selbständigkeit? Können Sie andere von
Ihrer Idee überzeugen? Derart lauten dann sinngemäß die Fragen,
die sich der Existenzgründer in spe ehrlich und redlich beantworten
soll. Denn Selbständigkeit ist nicht nur kompliziert und ein Buch
mit sieben Siegeln, kostspielig und aufwendig ist sie ohne jeden
Zweifel auch.
Wenn
wir es beispielsweise müde sind, die Hände sittsam in den Schoss
zu legen und Vater
Staat dabei unfreiwillig sein letztes Hemd auszuziehen, wir uns
im Gegenzug aber meisterhaft darauf verstehen, exquisite Käsebrötchen
zu kreieren, dann können wir uns nicht einfach auf die Strasse
stellen und unsere Käsebrötchen eigenhändig verkaufen. Denn ab
diesem Moment betreiben wir ein Gewerbe, und der Weg zur gewünschten
Eigenverantwortung ist steinig und weit. Haben Sie eine
Gewerbeanmeldung? Eine Standgenehmigung? Ein Gesundheitszeugnis? Sie
brauchen ein Geschäftskonto! Sie müssen ihre Steuer erklären! Die
sorgfältige Buchhaltung ist Pflicht! Und prompt sieht sich
derjenige, der eigentlich vor allem eine Ahnung von Käsebrötchen
hat, mit scheinbar unlösbaren Aufgaben konfrontiert. Wen hier immer
noch nicht der Mut verlässt, der tut seinen Pflichten bestmöglich
Genüge. Er meldet ein Gewerbe an, er beschafft sich jedwede
erdenkliche Genehmigung, er eröffnet ein Geschäftskonto und er
erklärt seine Steuer. Seine Hauptaufgabe besteht von nun an darin,
gewissenhaft jeden Papierschnipsel zu sammeln, und weiterhin belegt
er einen Kursus in Rechnungsprogrammen. Bis hierher hat er noch
nicht ein einziges Käsebrötchen verkauft. Fraglich ist, ob er überhaupt
jemals die Zeit dazu finden wird – dafür darf er sich jetzt als Unternehmer
bezeichnen.
Die
Selbständigkeit bedeutet für uns leider nach wie vor, im ersten
Schritt sagenhafte Kosten und einen enormen Arbeitsaufwand zu
produzieren. Im besten Fall haben wir eine Ausbildung als
Steuerberater, ehelichen eine ehemalige Buchhaltungskraft und
verstehen uns explizit auf das fortgeschrittene Finanzexpertentum.
Schade bloß, dass wir mit dieser Kombination nur selten dienen können.
Denn weder den Ämtern noch den Gesetzgebern ist es bis dato
beizubringen, dass nicht jeder selbständige Broterwerb des
abenteuerlichen Brimboriums und eines ausufernden Startkapitals
bedarf. Wessen es hingegen dringend bedarf, ist einer zeitgemäßen
Definition der Selbständigkeit.
Seitdem
wir dazu übergegangen sind, der Arbeit in einem abhängigen Beschäftigungsverhältnis
den Titel des sogenannten "Normalarbeitsverhältnis" zu
verleihen, sind unser Mut und unsere Schaffenslust deutlich
gesunken. Wir sind es heute gewohnt, unsere Arbeit zu nehmen, und
wenn sie uns niemand gibt, dann wissen wir nicht, wohin mit uns. Die
moderne Arbeitswelt hat sich somit um die Errichtung einer fiktiven
Wirklichkeit verdient gemacht, die den Angestellten dazu erzieht,
beliebige Veränderung für beängstigend und abnorm zu halten. Eine
Realität, die ihm vorgaukelt, im Idealfall gegen die natürlichen
wirtschaftlichen Umbrüche und die Gesetze einer Konjunktur
vollkommen abgeschirmt zu sein. Dennoch vergessen wir hierbei gerne,
dass hinter jedem Angestellten letztlich ein selbständiger Unternehmer
steht. Ein Unternehmer, der sich den Stürmen einer stetigen ökonomischen
Fluktuation unverändert ausgesetzt sieht, nur, dass er uns dies
nicht immer bemerken lässt. Es existieren somit aber im
eigentlichen keine Sicherungsmechanismen, die uns vor den
permanenten Evolutionen des Lebens beschützen. Auch, wenn wir das
gerne glauben wollen.
Wenn
wir uns demnach gegenwärtig den weitreichenden Veränderungen eines
globalen Arbeitsmarkts gegenüber sehen, dann muss das nicht zwangläufig
schlecht oder furchterregend sein. Wesentlich ist, wie wir mit
diesen Gegebenheiten umgehen. Dass der selbständig-unternehmerischen
Tätigkeit jedoch insbesondere in Zeiten der abnehmenden
angestellten Beschäftigung eine enorm wachsende Bedeutung zukommt,
ist uns schon lange kein Geheimnis mehr. Zwar hantieren wir seit
2003 mit Begrifflichkeiten wie der sogenannten "Ich-AG"
und rühmen uns für die verschiedene Kleinunternehmerregelung. Und
doch zäumt der Staat in seinem Bestreben, eine Gesellschaft heilkräftig
zu ermächtigen, wiederholt ein Pferd von hinten auf. Denn unsere
berufliche Selbständigkeit ist nicht deshalb schwer und teuer, weil
dies zwingend und in jedem Fall die Sache bedingt. Sie ist es aus
dem Grund, da sie uns schwer und teuer gemacht wird. Sobald der
Staat jedoch beginnt, nicht mehr nur den jungen Existenzgründer,
sondern gleichfalls auch seine eigene Idiotie zu finanzieren, haben
wir im Grunde nicht viel gewonnen. Der einzelne mag profitieren und
erstarken, nicht aber diese Gesellschaft.
Die
Lösung gegenwärtiger Anforderungen liegt daher nicht in Förderungsprogrammen,
im Coaching junger Unternehmen, wenn es um die Bewältigung des
landläufigen Papierkrams geht, und auch nicht vorrangig in
geldlichen Mitteln. Die Lösung liegt im Verzicht auf die gewohnte
Abhängigkeit. In der Rückkehr zu einer Normalität der Unabhängigkeit,
die den Selbständigen im ersten Schritt durch die Entlastung
belohnt. Sobald diese Gesellschaft aber seine unzähligen
Verordnungen durch den Glauben an die mündige Autonomie des
einzelnen ersetzt, darf das Wissen um unsere grundsätzliche
Eigenmacht endlich auch wieder populärer werden.
Die
selbständige Arbeit bezeichnet letztlich die unabhängige Erwerbstätigkeit
auf eigenes finanzielles und soziales Risiko. Dieses Risiko für den
einzelnen wieder tragbar zu machen, indem wir ihn mit einer
pingeliger Bürokratie und den überflüssigen Kosten verschonen,
darf bedeuten, auch in einer komplizierten Welt wieder einfache
Dinge zu tun. Darf bedeuten, einen potentiellen Verdienst auf der
Basis simpler Plus-Minus-Rechnungen zu ermitteln und unseren eigenständigen
Broterwerb als gangbare Alternative zu einer fremdfinanzierten
Unterstützung zu sehen.
In
der Tat ist es eine Mär, dass die "Unternehmerpersönlichkeit"
ein charakterliches Merkmal ist, das der eine hat und der andere
nicht. Der sogenannte Unternehmergeist wird durch kulturelle Werte,
Rollenerwartungen und durch soziale Sanktionen geprägt. Dass ein
direkter Zusammenhang zwischen dem Grad des gesellschaftlichen
Unternehmergeists und einem allgemeinem Wirtschaftswachstums
besteht, wissen wir spätestens seit den 60er Jahren. Unser Ruf
sollte demnach aber nicht der Wiederkehr einer geliebten Sicherheit
gelten, sondern vielmehr einem Wertesystem, das unternehmerisches
Handeln und somit einen möglichen Fortschritt unterstützt. Nicht
nur im Großen, sondern gleichfalls in seinen Anfängen sowie im
Kleinen.
Es
wird daher Zeit, dass nicht nur wir, sondern auch der Staat die tatsächliche
Unabhängigkeit wieder als das begreifen lernt, was sie ist. Nämlich
nicht der einseitige, sondern der beiderseitige Verzicht auf die
verschiedene Forderung. Die finanzielle Selbständigkeit muss sowohl
dem einzelnen als auch dem kleinen Mann wieder mühelos möglich
werden, denn anders kann keiner von beiden auf eigenen Füßen
stehen. Wenn es aber soweit ist, und wir der beruflichen
Eigeninitiative endlich ihren Triumph erlaubten, darf der Ausruf
"Hurra, ich bin selbständig! "eines Tages vielleicht der
Ausdruck einer gänzlich ungetrübten Freude sein.
©
Saskia Katharina Krost
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Originaltext [(Vorsicht)
Starke Worte]
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