Eine journalistische Visitenkarte. | Plattform für die innovative Attitüde.

 



 

Living-Lounge.com



 

Saskia Katharina Krost
Autorin | Online-Autorin | Publizistin
www.living-lounge.com

 

Letzte Aktualisierung:
02 May 2008, 22:14


Über die Autorin
Referenzen

Kontakt Impressum

 


 

» Living Lounge Magazin «


Utopien eines Morgen
Hurra, ich bin selbständig!

Warum spielen wir Lotto?

Bundestagswahlen 2009 

Ab in die Freiheit!

· stray · deep · different ·

 


 

Geschlecht: Weiblich
Status: In einer Beziehung
Sternzeichen: Krebs/ Aszendent Zwilling

Ort: X-Berg
Bundesland: Berlin
Land: DE

 


MySpace-URL:
»
click here «


 

 

» Originaltext  [(Vorsicht) Starke Worte]

 

 

Hurra, ich bin selbständig!

Okt. 15

Hurra, ich bin selbständig!

 

Die Zahl der Selbständigen steigt. Ich-AG und mangelnde Alternativen bekräftigen diesen Trend, das Saldo der Existenz- und Unternehmensgründungen verzeichnet seit 2004 eine steile Aufwärtskurve. Eine Entwicklung, die nicht zuletzt ihren unbedingten Einfluss auf die tendenziell rückläufige Zahl der Erwerblosen zeigt. Deutschland zeigt Mut und Tatendrang, belohnt wird der Mutige in den seltensten Fällen. Denn während es zunehmend mehr Menschen vorziehen, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen, und davon ablassen, die Suche nach der beruflichen Perspektive einem längst abgelebten System zu überlassen, wartet an der Pforte zur Selbständigkeit bereits der Hüter einer ewig gestrigen Tradition. Die Bürokratie hat dem Gewerbetreibenden den Kampf angesagt, und wer den Papierkrieg überlebt, den fressen die laufenden Kosten. Willkommen in der Selbständigkeit! flüstern die Ämter, Kassen und Banken. Und bevor wir auch nur einen einzigen Cent verdienten, summieren sich unsere Ausgaben zu einem beachtlichen Posten. Heureka! möchten wir selbst inzwischen meinen. Denn endlich haben wir begriffen, wie verhältnismäßig bequem dagegen das Leben als Lohnsklave ist. Liebes Deutschland, wann machst du die Eigenverantwortung bezahlbar?

 

 

Der Unternehmer, der Geschäftsmann, der Firmenchef – das sind unserem Denken überwiegend immer noch die Großkopferten, die wenigen Menschen mit den besonderen Führungsqualitäten, in ihren Eigenschaften extraordinär begabt, begünstigt, gebildet und/oder gerissen, und, wenn es gut geht, mit Geld wie Heu. Ein Denken, das eine Tradition so alt wie das Gesinde hat, das uns an den Großgrundbesitzer und einstige Lehnsherrschaft erinnert, und von dem sich auch unsere moderne Gesellschaft nur schwerlich abbringen lässt. Dass jedoch unter Umständen etwas sehr Naturgemäßes und Unspektakuläres darin liegt, selbstbestimmt und ohne Gebrauchsanleitung für unseren direkten Lebensunterhalt zu sorgen, haben wir mit den Jägern und Sammlern scheinbar verlernt.

 

Haben Sie das Zeug zum Unternehmer? Eignen Sie sich für die Selbständigkeit? Können Sie andere von Ihrer Idee überzeugen? Derart lauten dann sinngemäß die Fragen, die sich der Existenzgründer in spe ehrlich und redlich beantworten soll. Denn Selbständigkeit ist nicht nur kompliziert und ein Buch mit sieben Siegeln, kostspielig und aufwendig ist sie ohne jeden Zweifel auch.

 

Wenn wir es beispielsweise müde sind, die Hände sittsam in den Schoss zu legen und Vater Staat dabei unfreiwillig sein letztes Hemd auszuziehen, wir uns im Gegenzug aber meisterhaft darauf verstehen, exquisite Käsebrötchen zu kreieren, dann können wir uns nicht einfach auf die Strasse stellen und unsere Käsebrötchen eigenhändig verkaufen. Denn ab diesem Moment betreiben wir ein Gewerbe, und der Weg zur gewünschten Eigenverantwortung ist steinig und weit. Haben Sie eine Gewerbeanmeldung? Eine Standgenehmigung? Ein Gesundheitszeugnis? Sie brauchen ein Geschäftskonto! Sie müssen ihre Steuer erklären! Die sorgfältige Buchhaltung ist Pflicht! Und prompt sieht sich derjenige, der eigentlich vor allem eine Ahnung von Käsebrötchen hat, mit scheinbar unlösbaren Aufgaben konfrontiert. Wen hier immer noch nicht der Mut verlässt, der tut seinen Pflichten bestmöglich Genüge. Er meldet ein Gewerbe an, er beschafft sich jedwede erdenkliche Genehmigung, er eröffnet ein Geschäftskonto und er erklärt seine Steuer. Seine Hauptaufgabe besteht von nun an darin, gewissenhaft jeden Papierschnipsel zu sammeln, und weiterhin belegt er einen Kursus in Rechnungsprogrammen. Bis hierher hat er noch nicht ein einziges Käsebrötchen verkauft. Fraglich ist, ob er überhaupt jemals die Zeit dazu finden wird – dafür darf er sich jetzt als Unternehmer bezeichnen.

 

Die Selbständigkeit bedeutet für uns leider nach wie vor, im ersten Schritt sagenhafte Kosten und einen enormen Arbeitsaufwand zu produzieren. Im besten Fall haben wir eine Ausbildung als Steuerberater, ehelichen eine ehemalige Buchhaltungskraft und verstehen uns explizit auf das fortgeschrittene Finanzexpertentum. Schade bloß, dass wir mit dieser Kombination nur selten dienen können. Denn weder den Ämtern noch den Gesetzgebern ist es bis dato beizubringen, dass nicht jeder selbständige Broterwerb des abenteuerlichen Brimboriums und eines ausufernden Startkapitals bedarf. Wessen es hingegen dringend bedarf, ist einer zeitgemäßen Definition der Selbständigkeit.

 

Seitdem wir dazu übergegangen sind, der Arbeit in einem abhängigen Beschäftigungsverhältnis den Titel des sogenannten "Normalarbeitsverhältnis" zu verleihen, sind unser Mut und unsere Schaffenslust deutlich gesunken. Wir sind es heute gewohnt, unsere Arbeit zu nehmen, und wenn sie uns niemand gibt, dann wissen wir nicht, wohin mit uns. Die moderne Arbeitswelt hat sich somit um die Errichtung einer fiktiven Wirklichkeit verdient gemacht, die den Angestellten dazu erzieht, beliebige Veränderung für beängstigend und abnorm zu halten. Eine Realität, die ihm vorgaukelt, im Idealfall gegen die natürlichen wirtschaftlichen Umbrüche und die Gesetze einer Konjunktur vollkommen abgeschirmt zu sein. Dennoch vergessen wir hierbei gerne, dass hinter jedem Angestellten letztlich ein selbständiger Unternehmer steht. Ein Unternehmer, der sich den Stürmen einer stetigen ökonomischen Fluktuation unverändert ausgesetzt sieht, nur, dass er uns dies nicht immer bemerken lässt. Es existieren somit aber im eigentlichen keine Sicherungsmechanismen, die uns vor den permanenten Evolutionen des Lebens beschützen. Auch, wenn wir das gerne glauben wollen.

 

Wenn wir uns demnach gegenwärtig den weitreichenden Veränderungen eines globalen Arbeitsmarkts gegenüber sehen, dann muss das nicht zwangläufig schlecht oder furchterregend sein. Wesentlich ist, wie wir mit diesen Gegebenheiten umgehen. Dass der selbständig-unternehmerischen Tätigkeit jedoch insbesondere in Zeiten der abnehmenden angestellten Beschäftigung eine enorm wachsende Bedeutung zukommt, ist uns schon lange kein Geheimnis mehr. Zwar hantieren wir seit 2003 mit Begrifflichkeiten wie der sogenannten "Ich-AG" und rühmen uns für die verschiedene Kleinunternehmerregelung. Und doch zäumt der Staat in seinem Bestreben, eine Gesellschaft heilkräftig zu ermächtigen, wiederholt ein Pferd von hinten auf. Denn unsere berufliche Selbständigkeit ist nicht deshalb schwer und teuer, weil dies zwingend und in jedem Fall die Sache bedingt. Sie ist es aus dem Grund, da sie uns schwer und teuer gemacht wird. Sobald der Staat jedoch beginnt, nicht mehr nur den jungen Existenzgründer, sondern gleichfalls auch seine eigene Idiotie zu finanzieren, haben wir im Grunde nicht viel gewonnen. Der einzelne mag profitieren und erstarken, nicht aber diese Gesellschaft.

 

Die Lösung gegenwärtiger Anforderungen liegt daher nicht in Förderungsprogrammen, im Coaching junger Unternehmen, wenn es um die Bewältigung des landläufigen Papierkrams geht, und auch nicht vorrangig in geldlichen Mitteln. Die Lösung liegt im Verzicht auf die gewohnte Abhängigkeit. In der Rückkehr zu einer Normalität der Unabhängigkeit, die den Selbständigen im ersten Schritt durch die Entlastung belohnt. Sobald diese Gesellschaft aber seine unzähligen Verordnungen durch den Glauben an die mündige Autonomie des einzelnen ersetzt, darf das Wissen um unsere grundsätzliche Eigenmacht endlich auch wieder populärer werden.

 

Die selbständige Arbeit bezeichnet letztlich die unabhängige Erwerbstätigkeit auf eigenes finanzielles und soziales Risiko. Dieses Risiko für den einzelnen wieder tragbar zu machen, indem wir ihn mit einer pingeliger Bürokratie und den überflüssigen Kosten verschonen, darf bedeuten, auch in einer komplizierten Welt wieder einfache Dinge zu tun. Darf bedeuten, einen potentiellen Verdienst auf der Basis simpler Plus-Minus-Rechnungen zu ermitteln und unseren eigenständigen Broterwerb als gangbare Alternative zu einer fremdfinanzierten Unterstützung zu sehen.

 

In der Tat ist es eine Mär, dass die "Unternehmerpersönlichkeit" ein charakterliches Merkmal ist, das der eine hat und der andere nicht. Der sogenannte Unternehmergeist wird durch kulturelle Werte, Rollenerwartungen und durch soziale Sanktionen geprägt. Dass ein direkter Zusammenhang zwischen dem Grad des gesellschaftlichen Unternehmergeists und einem allgemeinem Wirtschaftswachstums besteht, wissen wir spätestens seit den 60er Jahren. Unser Ruf sollte demnach aber nicht der Wiederkehr einer geliebten Sicherheit gelten, sondern vielmehr einem Wertesystem, das unternehmerisches Handeln und somit einen möglichen Fortschritt unterstützt. Nicht nur im Großen, sondern gleichfalls in seinen Anfängen sowie im Kleinen.

 

Es wird daher Zeit, dass nicht nur wir, sondern auch der Staat die tatsächliche Unabhängigkeit wieder als das begreifen lernt, was sie ist. Nämlich nicht der einseitige, sondern der beiderseitige Verzicht auf die verschiedene Forderung. Die finanzielle Selbständigkeit muss sowohl dem einzelnen als auch dem kleinen Mann wieder mühelos möglich werden, denn anders kann keiner von beiden auf eigenen Füßen stehen. Wenn es aber soweit ist, und wir der beruflichen Eigeninitiative endlich ihren Triumph erlaubten, darf der Ausruf "Hurra, ich bin selbständig! "eines Tages vielleicht der Ausdruck einer gänzlich ungetrübten Freude sein.

 

© Saskia Katharina Krost

 

 

» Originaltext  [(Vorsicht) Starke Worte]


Im Fall der gewünschten Kontaktaufnahme wende Dich bitte an kontakt @ 80.67.17.116

 

 


» back to top «

 


LivingLounge home  | Magazin  |  stray · deep · different  |  Über die Autorin  |  Referenzen  |  Kontakt · Impressum