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Living-Lounge.com



 

Saskia Katharina Krost
Autorin | Online-Autorin | Publizistin
www.living-lounge.com

 

Letzte Aktualisierung:
02 May 2008, 22:14


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Status: In einer Beziehung
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Kennste, haste, weisste

Kennste, haste, weisste

 

Der Kennste-haste-weißte-Mensch: Eine interessante Spezies, der man ab und an begegnen darf. Gerne auch häufiger, als einem lieb ist. So auch ich, die ich diesen Typus bereits länger studiere & ihn inzwischen zum Mittelpunkt persönlicher Freizeitbeschäftigung erhoben habe. Achtung: Es kann zur Mission werden, seine Beweggründe einzusehen...

 

 

Es gibt da diesen Typus Mensch, den ich gerne als den "Kennste-Haste-Weißte"-Mensch bezeichne. Eine kuriose Spezies, deren Motivation mir bis heute nicht vollends transparent geworden ist. Und dennoch: Die Begegnung mit diesem Typ verspricht Spaß und Unterhaltung. Vorrangig für ihn

 

Und nicht zuletzt wird sich das Ego freuen. Nämlich seines

 

Unseres hingegen weniger. Unser eigenes Ego wird es vielmehr vorziehen, sich für den Rest des Disputs größtmöglich zurückhaltend zu präsentieren. Und sich bestenfalls seinen Teil denken. Sofern unser Ego nicht bereits ausgewandert ist. Dies, um fortan nur noch fernmündlich mit uns zu kommunizieren. Solange, bis wir ihm endlich versprechen, ihm künftig zur Seite zu stellen, was wir bisher zweifellos versäumten: Wissen. Ahnung. Kenntnis. Das einzig geeignete Rüstzeug für die Begegnung mit dem Kennste-Haste-Weißte-Mensch.   

 

Wissen ist Macht? Oder: Hat da vielleicht doch jemand etwas nicht ganz richtig verstanden?

 

Merke: Viele Menschen definieren sich über ihr Wissen. So auch der Kennste-Haste-Weißte-Mensch.

Manche Menschen gehen nun noch einen Schritt weiter und definieren nicht nur sich selbst, sondern auch jegliches Gegenüber über ihr Wissen. Vergleiche: Der Kennste-Haste-Weißte-Mensch.

Und nicht zuletzt gibt es einige wenige Menschen, denen persönliches Wissen zum Maßstab für alles und jedes geworden ist. Darf ich vorstellen: Der Kennste-Haste-Weißte-Mensch.

 

Der Kennste-Haste-Weißte-Mensch charakterisiert sich somit in erster Linie dadurch, dass die Fragen "Kennste?" – "Haste?" – "Weißte?" die am häufigsten gebrauchten Vokabeln seines Wortschatzes sind. Demzufolge wird er auch jedes Gespräch großzügig mit ihnen anzureichern wissen. Doch Achtung: Er verlangt Antwort. Keinesfalls haben wir es hier mit rein rhetorischen Fragen zu tun. Der Austausch mit dem Kennste-Haste-Weißte-Mensch sollte daher auch niemals unterschätzt werden. Tatsächlich befinden wir uns in genau diesem Moment auf dem gnadenlosen Prüfstand.

 

Das Abfragen von Wissen, Ahnung und Kenntnis bedeutet dem Kennste-Haste-Weißte-Mensch im eigentlichen unverzichtbares Werkzeug innerhalb einer Welt, die von Unwissen, Unbelesenheit und/oder Uncoolness regiert wird. Vielleicht seine größte Angst: unwissend, unbelesen und/oder uncool zu sein. Hingegen sein größtes Plus: wissend, belesen und (nicht: oder!) cool zu sein. Gleiche Persönlichkeitsmerkmale verlangt er jedoch auch jedem ab, den er als annähernd geistesverwandt oder wenigstens einigermaßen gleichberechtigt anerkennen will. Mit anderen als solchen gibt er sich aber nur ungern ab.

 

Goldene Faustregel: Ich bin nicht, was ich bin – ich bin, was ich weiß. Und in gar keinem Fall bin ich, was ich verstehe – nein, ich bin, was ich weiß. Und Du übrigens auch.

 

Ein Dialog mit dem Kennste-Haste-Weißte-Mensch gestaltet sich demzufolge in etwa so (es spricht zuerst der Kennste-Haste-Weißte):

 

"Grüße Dich, ich bin der Keanu. Du fragst Dich jetzt bestimmt, woher der Name kommt. Kennste?"

– Schon mal gehört.  

 

"Ist ja ein ganz bekannter Name. Meine Eltern haben mich damals auf Hawaii gezeugt, und Keanu bedeutet auf hawaiianisch 'die kühle Brise über den Bergen'. Kennste Hawaii?"

– Hmm, war aber noch nicht da.  

 

"Hawaii muss man einfach kennen. Ein berühmter Schauspieler heißt ja auch Keanu. Kennste?"

- Ja.  

 

"Seinen letzten Film fand ich klasse. Haste gesehen?"

- Glaub schon.  

 

"Und, wie fandest Du die Szene mit dem Lastwagen? Weißte welche?"

- Kann mich jetzt nicht genau erinnern.  

 

"Aber der Joke mit der Tomate war doch spitze. Haste mitgekriegt?"

- Hmm, weiß jetzt nicht.  

 

"Es gibt ja auch das Buch zum Film. Mega beeindruckend. Haste gelesen?"

- Nee.  

 

"Aber lesen tust Du doch, oder? Kennste Sakrileg von Dan Brown? Haste Illuminati? Weißte wer Dan Brown ist?"

- Hmm.  

 

"Und, wie fandste?"

- Gut.  

 

"Weißte, dass die Frau von Dan Brown Kunsthistorikerin ist?"

- Nee.  

 

"Wie bitte?"

- Nein!  

 

"Aber, was Kunsthistorik ist, weißte, oder?"

- Ja.  

 

"Total interessant. Haste Dich damit schon mal beschäftigt?"

- Bisschen.  

 

"Hier, Dings, kennste Raffaelo Santi? Diesen italienischen Maler der Hochrenaissance?"

- Nee.  

 

"Ganz bekannt. Hat Madonnen und Fresken gemalt. Was Madonnen sind, weißte aber?"

- Ja.  

 

"Da fällt mir ein: Madonna – haste das neue Video gesehen?"

- Hmm.  

 

"Und, den Typen, der im Background tanzt, kennste?"

 

[...]

 

 

Für die nächsten Stunden werden wir einander aber nicht kennen lernen, sondern unser Wissen abgleichen. Von Resultat und Ergebnis vorliegenden Kompatibilitätstests wird zudem abhängen, ob überhaupt Basis besteht, uns künftig auch nur unter Umständen näher kennen zu lernen. Was natürlich nicht wir entscheiden. Dies entscheidet der Kennste-Haste-Weißte-Mensch. Besser gesagt: Er wird uns jedwede Beurteilung in dieser Sache zuvorkommend abnehmen. Was nur angemessen scheint, denn: Er kennt, er hat und er weiß. Was auch immer.

 

Eine Frage konnte ich mir hierbei bis heute nicht beantworten: Hat der Kennste-Haste-Weißte-Mensch nun ein übersehr ausgeprägtes Ego oder hat sein Ego gar Komplexe? Ich bin mir nicht sicher. Eine Herausforderung bleibt die Begegnung mit ihm allemal. Nicht zuletzt für mein Ego, siehe oben.

 

Gleichzeitig ist die Bedürfnisbefriedigung des Typs "Kennste-Haste-Weißte" eine sensible und äußerst diffizile Angelegenheit. Nicht nur, dass wir wissen sollten – und zwar nicht das, was wir wissen, sondern das, was er weiß (bitte nicht zu verwechseln!) – wir sollten zeitgleich keinesfalls zuviel davon wissen. Denn auch wenn wir ganz bestimmt nicht der richtige Gesprächspartner für ihn sind, wenn wir rein gar nichts wissen - dies, da ihm zweifellos nicht gewachsen – wissen wir zuviel (bitte unbedingt zu beachten!), sind wir noch viel weniger sein Freund. In diesem Fall wird seine abschließende Endauswertung nämlich ergeben: Wir sind arrogant. Folglich werden wir ihn jedoch nie wiedersehen.

 

Die so trügerisch unschuldig anmutenden und unermüdlich wiederkehrenden Wörtchen "Kennste?" – "Haste?" – "Weißte?" entscheiden demnach jedoch über unser gesamtes weiteres Sein und Werden. Wenn wir aber in diesen wesentlichen Momenten versagen, werden wir auf ganzer Linie versagt haben.

 

Wünschen wir aber, uns im Angesicht des Kennste-Haste-Weißte zumindest die Option auf ein Wiedersehen, näheres Kennenlernen und/oder ähnliches offen zu halten, sollten wir uns tunlichst mit den Regeln geeigneter Gesprächsführung mit diesem Typus vertraut machen. Oben angeführtes Beispiel kann uns hierbei als gehaltvoller Leitfaden gelten.

 

Nicht zuletzt macht es sich immer gut, gelegentlich gänzlich ungefragt die Gesprächsleitung zu übernehmen. Souverän, bescheiden, devot. Nicht zu dünn auftragen, nicht zu dick, dem Kennste-Haste-Weißte nie die Oberhand streitig machen, uns aber gleichzeitig unbedingt als ebenbürtig sowie außerordentlich verständig erweisen. Schwierig. Jedoch lohnend. Beachte: Wir können einen Kennste-Haste-Weißte als Freund gewinnen. Dies aber verspricht unserem Ego ungeheuren Auftrieb. Es wird das selbstgewählte Exil hiernach nie wieder in Erwägung ziehen müssen.

 

Ich persönlich gehe dem Kennste-Haste-Weißte-Mensch mittlerweile aus dem Weg. Ich mache in seiner Begegnung einfach alles verkehrt. Nicht nur, dass ich nichts kenne, nichts habe und nichts weiß – sicher nicht ganz unbeeinflusst von dem Umstand, dass ich mir schlichtweg nichts merke - und nicht nur, dass ich mich allzu sehr immun wie unbeeindruckt von dem Wissen jedwedes Kennste-Haste-Weißte zeige, nein, darüber hinaus habe ich auch noch meine ganz eigenen Ansichten über das Kennste-Haste-Weißte-Prinzip. Ansichten, die jedoch keinem Vertreter der Art 'Kennste-Haste-Weißte' so recht schmecken möchten. Ich habe deshalb so oder so noch nie einen von ihnen wiedergesehen.

 

Tatsächlich bin ich nämlich der Auffassung, dass es kein besonderer Verdienst ist, sich Wissen anzueignen. Sprich: lesen zu können. Ich meine zudem, mich zu erinnern, dass dies eine Fähigkeit ist, die ein Großteil westlicher Bevölkerung bereits im Grundschulalter erwirbt.

 

Und nicht zuletzt halte ich Kennen und Verstehen, Wissen und Einsicht, noch immer für zwei getrennte Paar Schuhe. Und weiß, wem ich hierbei meinen eindeutigen Vorzug gebe.

 

Und Wissen bar jeder Einsicht und frei von Verständnis? In meinen Augen bloßer Humbug.

 

 

Aus diesem Grund bevorzuge ich heute jedoch den Typus "Ich-bin-mein-Terminkalender". Auch eine interessante Spezies. Nicht ganz so kompliziert, wenn man weiß, wie zu handhaben. Doch zu dieser Spezies vielleicht an anderer Stelle mehr.

 

Dennoch darf ich vorab ja schon mal fragen: Kennste? 

 

 

© Saskia Katharina Krost

 

 

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