|
|
Ein
Brief an die Liebe... Liebe
Liebe,
ich
bin mir noch nicht einmal sicher, wer Du letztlich bist, wo Du lebst
und ob Dich dieser Brief jemals erreichen wird - tatsächlich kenne
ich noch nicht einmal Deinen genauen Namen - und dennoch möchte ich
Dir heute schreiben, um Dir einige Fragen zu stellen. Vielleicht
findest Du Zeit und Ort, mir irgendwann Antwort auf diese Fragen zu
schenken.
Ab
& an durfte ich Dich bereits kennen lernen, habe Dein Gesicht
geschaut und Deinen Rocksaum befühlt - und einige Male erspähte
ich Dich auch aus weiter Ferne. Doch jedes Mal, bevor ich Dich
vollends zu fassen bekam, bevor es mir möglich gewesen wäre, eine
Partie Frage & Antwort mit Dir zu spielen, warst Du auch schon
wieder entschwunden. Daher dieser Brief.
Sag,
liebe Liebe, bist Du sehr beschäftigt? Machst Du Dich gerne rar
oder bist Du schüchtern? Oder liebst Du gar das Spiel der Spannung
und Überraschung?
Ich
habe bis heute nicht wirklich begriffen, welchen Regeln Deine
Visiten folgen – richtest Du Dich nach dem Rhythmus der Gezeiten?
Legst Du Deine Termine nach Dringlichkeit? Oder besprichst Du Dich
mit Gott?
Wie
gerne würde ich mit Deinen Besuchen rechnen können, wie gerne würde
ich mit Dir über meine Wünsche sprechen, & wie gerne würde
ich Nutznießer Deiner Ratschläge sein.
Weißt
Du, liebe Liebe, ich habe Dein Geheimnis nie lückenlos entschlüsseln
können. Verbirgst Du etwas vor mir? Was ist Dein Mysterium?
Natürlich
habe ich verschiedene Erfahrungen an Deiner Seite gemacht und ewig
enthülltest Du mir ein anderes Gesicht. Doch niemals hatte ich das
Gefühl, dass Du Dich mir in voller Größe zeigtest. Bis heute
warte ich auf den Tag, an dem Du Dich aufrichtest und Deinen Mantel
ablegst, um mich sehen zu lassen, was ich bisher nur erahne. Kann
ich sicher sein, dass dieser Tag jemals kommt?
Liebe
Liebe, ich träume häufig von Dir. In meinen Träumen bist Du glückselig
& bunt, versprichst mir ideales Pendant und stummes Verständnis.
Keine meiner Facetten, die Du nicht anzusprechen wüsstest, keine
meiner Spielarten, auf die Du nicht kurzum zu reagieren weißt. Lass
mich wissen, liebe Liebe, werden dies immer nur Träume sein?
Manchesmal
habe ich die Ahnung, liebe Liebe, dass Du in dieser Welt als
trauriges Abbild Deiner selbst umhergehst, mit dem Grauschleier
dieser Wirklichkeit überzogen wandelst, und Fremdwörter wie
Ehehafen, Beziehungsalltag und gleichförmige Eintönigkeit in
Deiner Dir unerlässlichen Übersetzungsfibel nachschlägst. Sag,
liebe Liebe, verstehst Du diese Welt?
Wonach
ich Dich ebenfalls schon lange fragen wollte, liebe Liebe, ist nach
Deinen tatsächlichen Freundschafts- und Verwandtschaftsgraden. Wie
ist das mit das mit der Eifersucht, der Leidenschaft, der Treue, dem
Hass, dem Schmerz & dem Glück? Bist Du mit ihnen verbrüdert
und verschwägert, seid ihr eineiige Zwillinge, ruft ihr Euch beste
Freunde, oder habt ihr womöglich überhaupt nichts miteinander zu
tun?
Ich
für meinen Teil mag die Eifersucht zum Beispiel gar nicht, liebe
Liebe, & kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass ihr
auch nur annähernd miteinander befreundet seid. Geschweige denn,
dass ihr nur im Doppelpack auftretet, oder aber untrennbar einander
verbunden seid. Ich glaube tatsächlich, liebe Liebe, dass die
Eifersucht nur Deinen Trittbrettfahrer macht, innerhalb einer Welt,
die von mangelnder Liebe & Selbstliebe, Verlustängsten und von
Überlebenskampf gezeichnet ist. Ich
glaube sogar, dass die Eifersucht eines Deiner größten
Missverständnisse ist, liebe Liebe. Trotzdem hat sie sich an allen
Ecken und Enden bei mir eingenistet. Sag, liebe Liebe, könntest Du
das nächste Mal nicht alleine kommen? Ohne die Eifersucht? Und mir
bei dieser Gelegenheit sogleich alle eifersüchtigen Schattenformen
und Varianten vom Leibe schaffen? Das wäre wirklich ein
zauberhaftes Geschenk, liebe Liebe.
Ach
ja, und die Leidenschaft, liebe Liebe. Ich bin ja der Überzeugung,
dass ihr zusammengehört wie die Henne und das Ei. Aber ich bin mir
nicht sicher - es gibt ja so viele, die anderes behaupten. Die
sagen, dass die Leidenschaft irgendwann gehen, und einer tieferen,
echteren Liebe weichen würde. Aber muss das wirklich so sein, liebe
Liebe? Ist es richtig, die Leidenschaft eines Tages aus unserem
Wortschatz zu streichen, da wir eine Liebe wertschätzen wollen, die
uns womöglich keine Leidenschaft mehr bietet? Müssen wir tatsächlich
jedes Mal eine Liebe aufgeben & zum nächsten wandern, wenn wir
wieder ungeschmälerte Leidenschaft erfahren wollen? Müssen wir uns
wirklich zwischen der Liebe und der Leidenschaft entscheiden?
Und
die Treue. Ich bin der Meinung, liebe Liebe, Du bist die treueste
Lebensform dieses Universums, liebe Liebe. Nur, dass dies noch
niemand verstanden hat. Woran die vorlaute Eifersucht glaube ich
nicht ganz unschuldig ist. Denn ist es nicht so, liebe Liebe, dass
Du tatsächlich niemals vergehst, überall zugleich bist, dass Du
keine Restriktionen kennst und zu keinem Zeitpunkt limitiert bist?
Bist Du nicht alles & jedes, der Stoff, aus dem dieses Universum
gewebt ist, der Urgrund allen Seins? Stimmt es nicht, dass Du Dich
nie wieder abwendest, wenn Du Dich einmal zu erkennen gabst?
Vielleicht wandelst Du hin & wieder Deine Gestalt, verleihst
Deinem Facettenreichtum geeigneten Ausdruck, und passt Dich äußeren
Spielarten an. Aber verlassen tust Du nicht, gehen wirst Du niemals.
Nur, dass dies noch niemand verstanden hat, liebe Liebe. Ist es
nicht so?
Mit
dem Hass bist Du, denke ich, weder verbrüdert noch verschwägert,
noch seid ihr Zwillinge oder flüchtige Bekannte. Ich glaube der
Hass ist ganz einfach Deine Rückenansicht, liebe Liebe. Deine
Kehrseite. Wenn Du uns aber den Rücken zuwendest, liebe Liebe, können
wir oftmals nicht erkennen, dass Du es bist, liebe Liebe. Und denken
daher, Du wärest fort & wir würden nicht geliebt. Wir hassen
es aber, nicht geliebt zu werden. Und wir hassen denjenigen, der uns
nicht liebt. Daher gaben wir Deinem Rücken den Namen Hass und
hassen ihn, wenn wir ihn anschauen.
Weißt
Du, liebe Liebe, wir verstehen einfach nicht, dass Du Dich lediglich
gerade umgedreht hast und wir tatsächlich bloß auf Deinen Hintern
blicken. Könntest Du nicht vielleicht auf Deinem Rücken ein Schild
anbringen, auf dem geschrieben steht "Ich bin es, die liebe
Liebe", liebe Liebe? Dann müssten wir auch keine Angst mehr
bekommen, wenn Du Dich kurz umwendest, liebe Liebe. Wir würden
nicht länger annehmen, dass wir gehasst würden, und müssten somit
nicht länger hassen. Das wäre wirklich nett, liebe Liebe.
Der
liebe Schmerz. Ich meine, liebe Liebe, bist Du ihm jemals persönlich
begegnet? Wir machen hier ständig die Erfahrung von Liebe &
Schmerz, liebe Liebe. Und gehen daher davon aus, dass ihr enge
Vertragsbeziehungen unterhaltet.
Aber
ist es nicht so, liebe Liebe, dass wir, wenn wir Dich wahrhaft
verstehen lernen wollen, vor allem anderen zu begreifen haben, dass
Du den Schmerz tatsächlich überhaupt nicht kennst? Dass Du gar
nicht weißt, wer er ist und was er üblicherweise so treibt, und er
Dir gerade einmal vom Hörensagen geläufig ist? Da wir Dir unaufhörlich
von ihm erzählen?
Vielleicht
könntest Du dem Schmerz einmal einen Brief schreiben, liebe Liebe,
und ihm mitteilen, dass er eine Illusion ist. Oder einen Brief an
die Menschen, liebe Liebe, in dem Du ihnen erklärst, dass ihr
beiden, der Schmerz und Du, rein gar nichts miteinander zu tun habt.
Dass der Schmerz das Kind des Unverständnisse ist, und dass Du Dich
hiermit ausdrücklich vom Schmerz distanzieren möchtest. Könntest
Du das tun, liebe Liebe? Oder Du schreibst einen Brief nur an mich,
liebe Liebe, und bestätigst mir formlos, dass ich mit meinen
Annahmen richtig liege. Ich würde mich dann bemühen, liebe Liebe,
alle anderen davon in Kenntnis zu setzen. Ich werde Deine Antwort
erwarten, liebe Liebe.
Mit
dem Glück kommen wir, glaube ich, endlich einmal zu einem wirklich
engen Vertrauten von Dir, liebe Liebe. Ist es nicht so, liebe Liebe?
Denn wer die Liebe begreift, begreift, dass die Liebe tatsächlich
das Glück ist. Ich vermute sogar, liebe Liebe, dass Du in deiner
formvollendeten Fassung nicht nur das Glück, sondern auch die Erfüllung,
der Frieden, das Paradies und das Seelenheil bist. Stimmt das, liebe
Liebe? Schön, wenn Du mir auch dies formlos bestätigen könntest,
liebe Liebe.
Und
nicht zuletzt möchte ich Dich fragen: Liebe Liebe, bist Du nun
eigentlich schwer oder bist Du tatsächlich leicht?
Liebe
Liebe, ich möchte diesen Brief nun enden lassen, auch wenn es noch
viele Fragen gäbe, die ich an Dich stellen könnte. Liebe Liebe -
ich will mich als das glücklichste Menschenkind schätzen, wenn Du
meinen Fragen einstmals Antwort schenkst. Ein frankierter Rückumschlag
liegt bei.
Liebe
Liebe: Ich wünsche Dir das Beste und hoffe, dass wir uns eines
Tages zutiefst begegnen werden & vielleicht sogar lang ersehnte
Hochzeit feiern.
Wann
besuchst du mich wieder, liebe Liebe?
Wann
bleibst du für immer?
Wann
zelebrierst Du die Auferstehung aus meinem Traum?
Und
wann entfaltest du vor meinen Augen in Gänze Deine Flügel?
Liebe
Liebe,
ich
liebe Dich,
herzlichst,
eine
Liebende
©
Saskia Katharina Krost
»
back to site map [· stray · deep ·
different ·]
|