Partnerwahlen


 

Wenn es darum geht, einer himmlischen Fügung ihr Geheimnis zu entlocken und für uns unzweifelhaft in Erfahrung zu bringen, ob uns in eben diesem Moment gottgegebene Bestimmung, die eine Liebe unseres Lebens, unser formvollendetes Glück gegenübersitzt – Kismet, das sich jeder Vernunft und allen weiteren Überlegungen entzieht, lauten unsere Fragen in etwa so: "Was trinkst Du am Morgen – Kaffee oder Tee?" – "Hast Du Abitur gemacht? Studiert? Was machst Du beruflich?" – "Was sind Deine Hobbies?" – "Du rauchst und trinkst doch nicht?" - "Kannst Du das Wort 'Xylophon' buchstabieren?" – "Wie oft wechselst Du Deine Unterhosen?" 

 

Erst aber, wenn sowohl augenscheinliche Prüfung als auch umfangreicher Frage-Antwort-Katalog positiven Bescheid sowie ausreichend Übereinstimmung erfahren haben, werden wir himmlische Fügung - Kismet, das sich jeder Vernunft und allen weiteren Überlegungen entzieht - als solches auch anerkennen. Und gottgegebene Bestimmung, die eine Liebe unseres Lebens, unser formvollendetes Glück endlich auf ewig in die Arme schließen. Vorausgesetzt, derjenige oder diejenige ist - anhand vernunftgetreuen Testverfahrens - zuvor zu selbem Ergebnis gelangt, versteht sich.

 

Sollten messbare Übereinstimmungen hingegen gar zu spärlich ausfallen oder äußerst zu wünschen übrig lassen - und auch unsere augenscheinliche Prüfung kaum zufrieden sein mit dem, was sie sieht - dann kann es sich beileibe nicht um Kismet handeln. Und schon gar nicht um himmlische Fügung. 

 

Denn wenn Gott uns – der studierten, kaffeetrinkenden Volljuristin, die weder trinkt noch raucht, gerne liest, bevorzugt Businesskostüm trägt und Gewalt verabscheut (und die außerdem jeden Tag mehrmals ihre Unterwäsche wechselt) – den raufenden, rauchenden, trinkenden Bauarbeiter, der weder Tee noch Kaffe, sondern ausschließlich Schultheiss trinkt, der Jeans in allen Formen und Farben liebt, und der das Wort 'Volljurist' weder zuverlässig lesen noch schreiben kann, (und über dessen unterwäschetechnischen Habitus wir weiterhin keine gesicherte Aussage treffen können), wenn Gott uns (!) allen Ernstes so jemanden vor die Nase setzt, dann kann dies nur zweifellos ein Irrtum sein. Keinesfalls aber Kismet. Geschweige denn das Glück unseres Lebens. Und wenn da einer noch so anziehend wirken mag. Mit Anziehungskraft zahlt man nun mal keinen Bausparvertrag ab.  Niemals. Das weiß auch Gott.

 

Manchmal beschleicht mich die Ahnung, dass das, was wir Liebe nennen, nicht Gefühls- sondern vorwiegend Vernunftgeburt ist. Dass Liebe steuerbar ist und tagtäglich in dieser Art von uns gesteuert wird. Denn es sind die wenigen, die sich nicht nur über Konvention und Norm, Realität wie externe Anforderung, über Schein und Fassade hinwegsetzen, sondern vor allem auch über ihren ureigenen

Vernunftanspruch. Die wenigen, die zwar unsere Helden sind, denen wir es im Grunde aber niemals gleichtun möchten.

 

Denn wo wir ansonsten die Vermischung von Rassen, Klassen, Religionen und Traditionen predigen, sind wir in inniger Zweisamkeit kaum noch bereit, im Härtegrad unseres Frühstückseis Abstriche zu machen. Begegnen wir aber jemandem, der exakt und genau wie wir das Drei-Minuten-Ei präferiert, dann sprechen wir kurzum von seelischer Verwandtschaft.

 

Liebe ist... strategisch perfektes Kalkül? Der meisterhafte Plan vom Glück?

 

Es scheint in der Tat ein interessanter Katalog, mit dem wir jedes unserer Gegenüber wie potentiellen Partner konfrontieren – Hobbies, Herkunft, Gesellschaftsschicht, schulische Bildung, Aussehen, Lebensvorstellungen, Zukunftspläne, Alter, sprachlicher Ausdruck. Ich meine, immerhin wünschen wir bestenfalls ein ganzes Leben miteinander zu verbringen. Und uns nicht aufgrund unüberbrückbarer Diskrepanzen eines stillen Tages wechselseitig zu ermorden. Aber: Ist das, was wir suchen, auch immer das, was uns am glücklichsten macht? Sind Selbstbild, Eigendefinition und Prestigegründe tatsächlich die wirklichen Kompetenzen für unser Lebensglück? Und: Wie viel Macht geben wir grundsätzlich dem äußeren Schein? Nicht zuletzt: Wer hat uns diesen ganzen Mist eigentlich beigebracht?

 

Aber mit jemandem zusammen sein, mit dem uns nicht viel mehr verbindet als aufrichtiges Gefühl? Der nicht zuletzt weder unserem Selbstbild noch unserer Eigendefinition entspricht, und der uns darüber hinaus wenig bietet, mit dem wir uns identifizieren könnten? Geschweige denn wollen? Eine Sache, die uns oftmals zuviel Ritterlichkeit erfordert. Ein Ding, das wir schlichtweg nicht in unsere Überlegungen einbeziehen. Oder aber: Eines der vielen No-Gos des Beziehungsreigens. Zumal wir unser Gefühl nur selten aufrichtig nennen werden, wenn unser enttäuschtes Have-Must beharrlich quengelt und quält.

 

Dass Liebe im wirklichen eine ausgeprägte Vernunftsache ist, und die Gefühle zumeist erst folgen (dürfen), wenn unsere rationale Prüfung positiven Bescheid erfährt, will uns oftmals erst dann auffallen, wenn wir lieben und gar nicht lieben wollen. Wenn wir einem der seltenen Momente gegenüberstehen, in denen das Gefühl schneller und forscher war als die Vernunft, und auch auf unser inniges Drängen nicht klein beigeben will. Wenn das Gefühl der Vernunft ein einziges Mal nicht die Entscheidung überließ. Wenn Vernunft und Gefühl sich streiten und das Gefühl sich ausnahmsweise nicht mit gewohnter Verliererrolle zufrieden geben will.

 

Und plötzlich finden wir uns in den Armen eines weitaus jüngeren und rational für uns unhaltbaren Liebhabers, am Busen eines gestandenen Vollweibs oder an der Hand des verachteten Proleten. Oder auch einfach in vertrauter Gesellschaft eines wundervollen Menschen, dessen Nase uns schlichtweg nicht passt. Und kommen eigentlich gar nicht klar. Denn zeitgleich wird uns ungeschönt bewusst, wie viel Wert wir eigentlich darauf legten, dass genau dies niemals geschieht. Dass wir Alter, Aussehen und den Faktor 'Style' in alle unsere bisherigen Wahlen einfließen, und ihnen vollendete Regentschaft überließen. Ohne dass uns diese Ansprüche auch nur jemals weitreichendere Gedanken wert gewesen wären.

 

Und nun? Zu üblicher Manier zurückkehren und wie gewohnt nicht lieben, weil wir nicht lieben wollen? Oder lieben und gewohntes Selbstbild, Eigendefinition wie Identifikationsmomente der gründlichen Renovierung unterziehen? Und weshalb funktioniert eigentlich dieses Mal nicht, was sonst immer und zuverlässig funktioniert? Dass wir nämlich erst lieben, wenn wir lieben wollen bzw. ausschließlich den lieben, den wir lieben wollen – und niemals ohne zuvor die Vernunft nach ihrem Urteil gefragt zu haben.

 

Ich meine, es ist ja immer eine nette Sache, über Liebende zu lesen, die erst nach einer langen Odyssee des Für und Wider zueinander finden durften, über Liebespaare zu hören, die ihre Liebe über alle sachlichen Argumente hinweg siegen ließen, oder aber Betrachter von Leidenschaften zu sein, die sich über alle Konvention und üblichen Spielregeln hinwegsetzten. Nichts, was uns mehr rührt, kaum etwas, das unserer Vorstellung von wahrer Liebe näher kommt. Aber: Was, wenn wir selbst in dieser Situation sind? Und: Sind es tatsächlich diese Kriterien, die uns im täglichen Spiel der Partnerwahl und –suche als vorrangige Maßgabe für unsere Entscheidungen gelten?

 

Ich befürchte fast, nein. Denn wenn die Vernunft und das Gefühl sich streiten, scheint zumeist die Vernunft der Gewinner zu sein. Oder anders ausgedrückt: Gibt die Vernunft kein grünes Licht, werden wir üblicherweise der Meinung sein, schlicht und einfach keine Gefühle zu empfinden. Was uns nicht passt, das nehmen wir nicht. Was nicht passt, das hat kaum eine Chance. Was uns hingegen passt, wird noch passender gemacht. Das, was wir wollen, sowieso. Chemie – Biologie, Psychologie, Soziologie – oder einfach nur Schwachsinn?

 

Wenn ich mir meinen eigenen Anspruchskatalog bewusst anschaue, ein Ding, mit dem ich tagtäglich ohne absichtliches Wissen hantiere, wird mir schwindlig. Wenn ich mir denjenigen anderer anschaue, ebenfalls. Wenn ich direkt wie persönlich mit dem Anspruchskatalog eines Gegenübers konfrontiert bin und gegebenenfalls dem Punkt "rassiger, südländischer Typ bevorzugt" zum Opfer falle, wird mir nicht schwindlig, sondern schlecht. Zeitgleich möchte ich nicht wirklich wissen, wie vielen Menschen bereits in meiner Gegenwart und somit umgekehrt schlecht geworden ist.

 

Meine Katze wird derart zum unzweifelhaften Wink des Schicksals für den Hundebesitzer. In gleicher Weise noch für den Katzenallergiker. Der Hundebesitzer oder Katzenallergiker wird zum unzweifelhaften Wink des Schicksals für mich. Mich, den Katzenliebhaber. Wir gehören nicht zusammen, sind keinesfalls füreinander bestimmt – das Schicksal spricht eine deutliche Sprache. Nichts zu rütteln, nichts zu deuteln. Im schlimmsten Fall aber wird der Hundebesitzer oder Katzenallergiker zum Schicksal für meine Katze. Aber keine Angst – dies ist einer von 379.000 Fällen. Und auch nur deshalb, weil wir beide Spaghetti lieben, beiderseits Bronx buchstabieren können und identische Vorstellungen von einem erfüllten Leben teilen.

 

Der 45jährige Junggebliebene sucht weibliches Pendant, das bestenfalls 25, maximal jedoch 29 Lenze zählt. Die 29jährige hingegen küsst ganz bestimmt niemanden, der älter als 35 ist. Der zweifach Geschiedene und Getrennte, samt 3 Kindern, sucht unschuldsvolle Partnerin, nicht geschieden, nicht getrennt, die keinesfalls eigene Kinder hat. Potentielle Partnerin, ledig, unschuldsvoll, kinderlos, sucht natürlich niemand anderen als den Mann, für den kategorisch gleiches gilt. Der keine Kinder hat. Unschuldsvoll ist. Geschiedene oder Getrennte jedoch schon mal gar nicht. Die Hübsche nimmt keinen Hässlichen. Der Hässliche will aber eine Hübsche. Hässlich ist er ja selbst. Die 1,63-Frau will den 1,95-Mann. Der 1,95-Mann will aber überhaupt keine Frau. Sondern eine Basketballkarriere bei den Knicks. Der strohblonde Finne sucht die glutäugige Spanierin. Und sucht somit die glutäugige Spanierin, die einen strohblonden Finnen sucht. Und der Gebildete? Nimmt keine Ungebildete. Schließlich wünscht er mit er seiner Herzensdame im Mindestanspruch zwei aufeinanderfolgende Sätze geradeaus reden zu können. Womit er immerhin Einigkeit mit der Gebildeten aufweist. Denn die Gebildete? Nimmt keinen Ungebildeten. Wünscht sich aber nicht nur den Gebildeten, sondern zugleich einen ganzen Mannskerl. Heute unterhält sie folgerichtig zwei Männer.

 

 

Ich möchte wirklich nicht behaupten, dass an dieser ganzen Sache rein gar nichts dran wäre. Denn ohne Frage hat es seine Berechtigung, Liebe, Glück & Erfüllung in der gegenseitigen Übereinstimmung wie in der Ergänzung, in der Verwandtschaft und in der Vervollständigung zu suchen. Und doch: Hat irgendjemanden sein persönliches Diktat schon jemals zum Ziel gebracht? Haben wir schon einmal gefunden, was wir wollten? Und zwar da, wo wir suchten? Hat irgendjemand bereits das Gesamt erfüllten Anspruchskatalogs an seiner Seite gehabt?  

 

Und wenn ja, hat es uns glücklich gemacht?

 

Zumeist läuft es doch so: Wir suchen unser Selbst oder das Ideal von einem Selbst, aber wir suchen nicht im eigenen Innern, sondern in einem Außen. Wir fragen nach Harmonie und Frieden. Wir ersehnen die Leidenschaft. Und wenn wir einander gefunden haben? Dann manifestieren wir unseren Traum vom Leben. Oder träumen weiter. Genießen Harmonie und Frieden. Vermissen still die Leidenschaft.

 

 

War es bis hierher aber ausschließlich der langhaarige, grünäugige Harley-Fahrer, den ich suchte, Hannoveraner, zärtlich und mit Aktiendepot, finde ich ihn, und wagt er es tatsächlich, mich zu enttäuschen, dann werde ich meinen Anspruchskatalog gewissenhaft überdenken. Einsicht üben. Und siehe da: Er war Steinbock. Kann ja nicht gut gehen. Von nun an werde ich daher aber nicht mehr den langhaarigen, grünäugigen Harley-Fahrer suchen, Hannoveraner, zärtlich und mit Aktiendepot, sondern: Den langhaarigen, grünäugigen Harleyfahrer, Hannoveraner, zärtlich und mit Aktiendepot, der KEIN Steinbock ist. Alternativ auch den Mann, der NICHT langhaarig ist, NICHT grünäugig, NICHT Harley-Fahrer, NICHT aus Hannover, NICHT zärtlich und KEIN Aktiendepotbesitzer. Kommt ganz darauf an, wie herbe die Enttäuschung war. Der Rest meiner ideellen Vorstellung bleibt hiervon selbstredend unberührt. Und wieder einmal hat mein Anspruchskatalog Zuwachs bekommen. Bestehende Toleranzgrenze wird kleiner und kleiner. Die Chance auf Erfüllung auch.

 

Wir lieben, wen wir lieben wollen. Niemand anders. Wie auch anders.

 

Gründe, nicht zu lieben, finden wir hingegen immer. Wann werden wir auch umgekehrt derart argumentationsstark sein?

 


(2oo5) | © Saskia Katharina Krost