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Saskia Katharina Krost
Autorin | Online-Autorin | Publizistin
www.living-lounge.com

 

Letzte Aktualisierung:
02 May 2008, 22:14


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Utopien eines Morgen
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Warum spielen wir Lotto?

Bundestagswahlen 2009 

Ab in die Freiheit!

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Geschlecht: Weiblich
Status: In einer Beziehung
Sternzeichen: Krebs/ Aszendent Zwilling

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Bundesland: Berlin
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Warum spielen wir Lotto?

Sept 29

Warum spielen wir Lotto?

 

Ungeachtet der Tatsache, dass der persönliche Lottogewinn so wahrscheinlich ist wie unsere spontane kollektive Erleuchtung, fokussieren wir uns auf unserer Suche nach dem Glück größtenteils unvermindert auf das plötzliche Geld. Glücklich stimmen wir damit jedoch vor allem Lottogesellschaften und Staat, die als einzige jedes Mal die großen Gewinner sind. Es bleibt zu fragen: Weshalb vermuten wir unsere Lebenszufriedenheit im Jackpot? Und andersherum: Warum finden wir uns mit Lebensmodellen ab, die das Glück kategorisch als Zufall definieren?

 

 

Knack den Jackpot! Werde Millionär! Erfüll dir deine Träume! Begrabe auf einen Schlag all deine Sorgen! Spiel Lotto!!

 

Wer kennt sie nicht, die enervierenden Marketing-Strategien der Lotterien und Klassenlotterien dieser Länder. Jüngster Coup: Auf Du und Du mit dem potentiellen Lottokönig. Ihn fürsorglich an die Hand nehmen und in weiser Voraussicht mit ihm Pläne schmieden, was er denn anstellen wird, mit dem großen Geld. Sobald er es hat, versteht sich. Was allerdings, nicht nur der Einfältige wird uns hier glauben, ganz bestimmt schon übermorgen der Fall sein wird. Wenn nicht, dann eben überübermorgen. Oder im nächsten Monat. Im nächsten Jahr. Im nächsten Leben. Irgendwann müssen wir schließlich an der Reihe sein. Oder haben wir nicht etwa ein Anrecht auf Glück?

 

Ein weiteres Geheimnis der besagten Staatslotterie: Die aktive Kundenpflege. Den Multimillionär in spe dort abholen, wo er steht. Zuhause. Unter der Dusche. Wie es in bundesdeutschen Haushalten eben ab und an vorkommt, morgens um acht. Ihn dann mit einem umsichtigen Anruf beglücken, wenn die süßen Träume der Nacht noch am lebhaftesten sind, um ihm die drängende Frage zu stellen, warum er partout kein Millionär werden will. Ihn fragen, ob er gerne von jetzt auf gleich um X-Millionen reicher wäre – und darauf setzen, dass auch die frappanteste Schlagfertigkeit zu dieser Tageszeit keine andere Antwort kennt als "Ja". Sodann eiligst beginnen, mit dem mutmaßlichem Lottohelden gemeinsam Pläne zu schmieden, siehe oben. Und schon ist alles tutti. Gelaufen. Der hochdotierter Kundenfang erzielt den einträchtigen Konsens, das beabsichtigte Geschäft ist zu einem erfreulichen Abschluss gebracht. Wer nämlich einmal rein theoretisch den Jaguar chauffierte und das ausgedachte Eigenheim dekoriert, der will hierauf auch in einer praktisch-faktischen Lebenswirklichkeit sicher nicht mehr verzichten. Das Fazit ist, wir spielen mit. Lotto, das makabere Spiel mit unseren Sehnsüchten und Träumen.

 

Dennoch müssen wir in der Regel nicht dazu aufgefordert werden, unser Heil im Glücksspiel zu suchen. Wir tun es schlicht. Genaugenommen 20 Millionen Bundesbürger. Nicht im Jahr und nicht im Monat, nein, jede Woche. Denn gleichermaßen selbstverständlich, wie wir unseren innersten Wünschen ansonsten das scheinbar unausweichliche Zwangsexil verordnen, weisen wir ihm an dieser Stelle eine offenbar geeignete Zuflucht zu. Wir spielen. Hoffen. Bitten. Beten. Zum Gott des Lottos und zu Fortuna, auf dass sie sich nur dieses einzige Mal doch bitte unsereins erbarmten. Und wenn uns dann der ehemalige Langzeitstudent und seines Zeichens "Hoffnungsloser Fall" eines lieben Tages als der frischgebackene Lottomillionär aus dem Fernseher entgegen grient, dann denken wir nicht "Du einsamer Glücklicher", sondern: Geht doch. Zuversichtlich wähnen wir die trostreiche Perspektive. Der uns einzig verbliebene Hoffnungsschimmer gebührt somit dem Traum vom Jauch'schen Glück. Was aber, wenn wir das Lotto nicht hätten? Zumindest unsere Hoffnung wäre damit weitgehend passé.

 

Bis hierher aber gilt: Die Hoffnung stirbt wie immer zuletzt. De facto wird sie uns voraussichtlich alle überleben. Uns, die gescheiterten Fast-Millionäre im Geiste. Die Lottogesellschaften und der Staat werden des Hoffens derweil nicht müde. Denn sie erwarten und begehren, dass wir unermüdlich Lotto spielen. Dass wir die Verwirklichung unserer Träume weiterhin entschlossen im Glücksspiel suchen. Und wenigstens sie haben allen Grund zur berechtigten Hoffnung: Die jährlichen Umsätze des Deutschen Lotto-/Toto-Blocks belaufen sich auf kaum zu verachtende 8 Milliarden Euro. Plus-minus einige Milliönchen hier und da. Haben oder nicht haben, lautet unzweifelhaft die Frage. Denn immerhin partizipieren die öffentlichen Kassen am Sektor des Glücksspiels mit satten 4 Milliarden Euro im Jahr. Und auch, wenn die im DLTB vereinigten Lottogesellschaften zwischenzeitlich über sinkende Umsätze klagten, das mutmaßliche Ergebnis eines allgemeinen wirtschaftlichen Krisenstands, bleibt trotzdem festzuhalten, dass keinesfalls weniger Menschen Lotto spielen. Sie machen lediglich weniger Kreuze. Auch Lotto und Toto müssen wir uns schließlich erst einmal leisten können.

 

Seit 2004 scheint jedoch auch dieser Abwärtstrend besiegt, die Deutschen hoffen wieder und investieren in den Sechser im Lotto. Was bei einer wahrscheinlichen Gewinnchance von erklecklichen 0,0000000715 % (Spiel 6 aus 49) ganz sicher alles andere als ein Ding der Unmöglichkeit ist. Das möchten wir zumindest gerne glauben. Im Zweifel hoffen wir es nur. Und, seien wir ehrlich, diese dubiose Materie der Wahrscheinlichkeitsrechnung hat doch eigentlich niemand von uns jemals wirklich begriffen. Was aber, wenn wir das Lotto nicht hätten? Nicht nur unserem Bangen und Hoffen ginge es schlecht, auch der Staat und der öffentliche Haushalt würden fraglos einige bittere Tränen vergießen.

 

Dennoch stellt sich die Frage, was uns dazu anhält, unsere ersehnte Erfüllung beharrlich im Glücksspiel zu suchen. Es stellt sich die Frage, welche Funktion Lotto und Co. in der neuzeitlichen Moderne erfüllen, insbesondere in Zeiten der wirtschaftlich debilen Lage. Denn kann es nicht sein, dass wir heute nicht mehr spielen, um uns zu vergnügen, sondern dass aus unserem einstigen Flirt mit dem Kitzel inzwischen bitterer Ernst geworden ist?

 

Immerhin ergibt die Befragung der bundesdeutschen Bevölkerung zum Thema Glück, dass der durchschnittliche Bürger nicht nur Gesundheit, Sorgenfreiheit und das Wohlbefinden der eigenen Familie, sondern ebenfalls den Sechser im Lotto am häufigsten mit der Begrifflichkeit "Glück" assoziiert. Ein glückloses Deutschland spielt Lotto und Toto? Offen bleibt, ob wir den Traum vom beispiellosen Glück auf ewig verabschieden müssen, wenn uns der große Gewinn denn niemals vergönnt sein soll.

 

Wenn wir es zugeben, träumen wir alle von der Million. Wer sie nicht will, der hat sie schon. Sollten wir allerdings davon ausgehen, dass uns der Lottogewinn das wahrgewordene Idyll des vollkommenen Glücks garantiert, dann täuschen wir. Im Gegenteil enthüllen lehrreiche Studien eine ganz andere Realität: Abgesehen von einer vorübergehenden Hochstimmung zeigt der Lottogewinn nur wenig Auswirkung auf unser Leben und auf unsere Grundpersönlichkeit. Denn wir gewinnen zwar Millionen, nicht aber die Fähigkeit zum Glücklichsein. Ein langfristig glücklicher Lottomillionär ist somit ausschließlich der, welcher sich bereits vor seinem Gewinn auf das Glück verstand. Hingegen wird der ewig trübsinnige Grübler und Zweifler ebenfalls angesichts seines überraschenden Triumphs irgendwann zu seinem einstigen Missmut zurückkehren müssen. Und folglich nicht glücklicher sein. Fazit: Früher oder später fühlen wir uns auch mit den Millionen auf dem Konto ganz einfach nur wie eh und je.

 

Geld macht nicht glücklich, letztlich eine Geschichte mit Bart. Der wir dennoch nie Glauben schenken, bis wir sie dereinst selbst erleben. Aber: Wo versteckt es sich denn nun, unser beständiges Glück?

 

Sogenannte Glücksforscher haben sich auf die Suche begeben. Ihr Ergebnis: Glücklich macht uns nicht das blitzartige, scheinbar unverdiente Glück, und somit wider Erwarten auch kein Lottogewinn dieser Welt, wahrhaft glücklich machen uns die immateriellen Güter dieser Existenz. Soziale Beziehungen, Freunde, Familie, Liebe, Optimismus und Lebenslust. Die großen und kleinen sowie gänzlich selbstverdienten Erfolge.

 

Wenn es um unser unverfälschtes Glück gehen will, ist der Begriff unserer gelungenen Selbstverwirklichung jedoch effektiv die sicherste Formel. Individualität, Talententfaltung, Freiheit und der authentische Ausdruck sind demnach einige der Größen, die uns zuverlässig den Weg gen Freude weisen. Termini, die uns selten im Stich lassen, wenn das beständige Glück Form und Gestalt annehmen soll. Fragt sich: Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah?

 

Dass wir unser Glück dennoch unverdrossen im großen Geld und im totalen Gewinn vermuten, ist letztlich symptomatisch für ein Gesellschaftsmodell, welches die Worte Erfüllung und Selbstverwirklichung nach wie vor klein und in Klammern schreibt. Lotto und Co. erfüllen daher heute nicht mehr die Funktion eines vergnüglichen Spiels oder des unbedarften Zeitvertreibs, sondern sind zu den Platzhaltern unseres unbedingten Strebens nach Erfüllung geworden. Zu den Repräsentanten der irrtümlichen Wahrheit, dass Geld die Welt und somit vermutlich auch unser Glück regiert.

 

Während wir demnach über das stets knappe Geld und die kränkelnde Wirtschaft klagen, gilt uns die Selbstverwirklichung zumeist als ein Luxusgut. Als das Recht der Betuchten. Der Geschickten. Der Gerissen. Eben als Luxus. Moment – Luxus? Ganz genau, Selbstverwirklichung ist Luxus. Ein Reichtum, der vorerst dennoch keines müden Cents bedarf, sondern dessen Währung allein die Erkenntnis ist. Die Einsicht einer Gesellschaft, die nicht länger an dem Begreifen spart, dass die Indienstnahme der individuellen Befähigung mit Abstand die beste Investition für das Unternehmen Zukunft ist. Ein ideeller Wohlstand, der zugleich die weitaus realistischere Chance auf unsere echte Erfüllung in sich birgt.

 

Wenn es daher jedes Mal nur die wenigen sind, die einen überbordenden Reichtum und den absoluten materiellen Wohlstand in sich vereinen, können wir den ungehinderten Selbstausdruck dagegen den vielen gewähren. Denn Geld ist zwar ein gängiger Tauschwert, nicht aber das Zahlungsmittel für Erfüllung und Glück.

 

Warum also spielen wir Lotto? Vielleicht, weil wir noch gar nicht wussten, wie glücklich unser eigenes Talent uns machen kann. 

 

 

© Saskia Katharina Krost

 

 

» Originaltext  [(Vorsicht) Starke Worte]


 

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