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Sept
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Warum spielen wir Lotto?
Ungeachtet der Tatsache, dass der persönliche Lottogewinn so
wahrscheinlich ist wie unsere spontane kollektive Erleuchtung, fokussieren wir
uns auf unserer Suche nach dem Glück größtenteils unvermindert auf das plötzliche
Geld. Glücklich stimmen wir damit jedoch vor allem Lottogesellschaften und
Staat, die als einzige jedes Mal die großen Gewinner sind. Es bleibt zu fragen:
Weshalb vermuten wir unsere Lebenszufriedenheit im Jackpot? Und andersherum:
Warum finden wir uns mit Lebensmodellen ab, die das Glück kategorisch als
Zufall definieren? Knack den Jackpot! Werde Millionär! Erfüll dir deine Träume!
Begrabe auf einen Schlag all deine Sorgen! Spiel Lotto!!
Wer kennt sie nicht, die enervierenden Marketing-Strategien
der Lotterien und Klassenlotterien dieser Länder. Jüngster Coup:
Auf Du und Du mit dem potentiellen Lottokönig. Ihn fürsorglich an
die Hand nehmen und in weiser Voraussicht mit ihm Pläne schmieden,
was er denn anstellen wird, mit dem großen Geld. Sobald er es hat,
versteht sich. Was allerdings, nicht nur der Einfältige wird uns
hier glauben, ganz bestimmt schon übermorgen der Fall sein wird.
Wenn nicht, dann eben überübermorgen. Oder im nächsten Monat. Im
nächsten Jahr. Im nächsten Leben. Irgendwann müssen wir schließlich
an der Reihe sein. Oder haben wir nicht etwa ein Anrecht auf Glück?
Ein weiteres Geheimnis der besagten Staatslotterie: Die
aktive Kundenpflege. Den Multimillionär in spe dort abholen, wo er
steht. Zuhause. Unter der Dusche. Wie es in bundesdeutschen
Haushalten eben ab und an vorkommt, morgens um acht. Ihn dann mit
einem umsichtigen Anruf beglücken, wenn die süßen Träume der
Nacht noch am lebhaftesten sind, um ihm die drängende Frage zu
stellen, warum er partout kein Millionär werden will. Ihn fragen,
ob er gerne von jetzt auf gleich um X-Millionen reicher wäre –
und darauf setzen, dass auch die frappanteste Schlagfertigkeit zu
dieser Tageszeit keine andere Antwort kennt als "Ja".
Sodann eiligst beginnen, mit dem mutmaßlichem Lottohelden gemeinsam
Pläne zu schmieden, siehe oben. Und schon ist alles tutti.
Gelaufen. Der hochdotierter Kundenfang erzielt den einträchtigen
Konsens, das beabsichtigte Geschäft ist zu einem erfreulichen
Abschluss gebracht. Wer nämlich einmal rein theoretisch den Jaguar
chauffierte und das ausgedachte Eigenheim dekoriert, der will
hierauf auch in einer praktisch-faktischen Lebenswirklichkeit sicher
nicht mehr verzichten. Das Fazit ist, wir spielen mit. Lotto, das
makabere Spiel mit unseren Sehnsüchten und Träumen.
Dennoch müssen wir in der Regel nicht dazu aufgefordert
werden, unser Heil im Glücksspiel zu suchen. Wir tun es schlicht.
Genaugenommen 20 Millionen Bundesbürger. Nicht im Jahr und nicht im
Monat, nein, jede Woche. Denn gleichermaßen selbstverständlich,
wie wir unseren innersten Wünschen ansonsten das scheinbar
unausweichliche Zwangsexil verordnen, weisen wir ihm an dieser
Stelle eine offenbar geeignete Zuflucht zu. Wir spielen. Hoffen.
Bitten. Beten. Zum Gott des Lottos und zu Fortuna, auf dass sie sich
nur dieses einzige Mal doch bitte unsereins erbarmten. Und wenn uns
dann der ehemalige Langzeitstudent und seines Zeichens
"Hoffnungsloser Fall" eines lieben Tages als der
frischgebackene Lottomillionär aus dem Fernseher entgegen grient,
dann denken wir nicht "Du einsamer Glücklicher", sondern:
Geht doch. Zuversichtlich wähnen wir die trostreiche Perspektive.
Der uns einzig verbliebene Hoffnungsschimmer gebührt somit dem
Traum vom Jauch'schen Glück. Was aber, wenn wir das Lotto nicht hätten?
Zumindest unsere Hoffnung wäre damit weitgehend passé.
Bis hierher aber gilt: Die Hoffnung stirbt wie immer
zuletzt. De facto wird sie uns voraussichtlich alle überleben. Uns,
die gescheiterten Fast-Millionäre im Geiste. Die
Lottogesellschaften und der Staat werden des Hoffens derweil nicht müde.
Denn sie erwarten und begehren, dass wir unermüdlich Lotto spielen.
Dass wir die Verwirklichung unserer Träume weiterhin entschlossen
im Glücksspiel suchen. Und wenigstens sie haben allen Grund zur
berechtigten Hoffnung: Die jährlichen Umsätze des Deutschen
Lotto-/Toto-Blocks belaufen sich auf kaum zu verachtende 8
Milliarden Euro. Plus-minus einige Milliönchen hier und da. Haben
oder nicht haben, lautet unzweifelhaft die Frage. Denn immerhin
partizipieren die öffentlichen Kassen am Sektor des Glücksspiels
mit satten 4 Milliarden Euro im Jahr. Und auch, wenn die im DLTB
vereinigten Lottogesellschaften zwischenzeitlich über sinkende Umsätze
klagten, das mutmaßliche Ergebnis eines allgemeinen
wirtschaftlichen Krisenstands, bleibt trotzdem festzuhalten, dass
keinesfalls weniger Menschen Lotto spielen. Sie machen lediglich
weniger Kreuze. Auch Lotto und Toto müssen wir uns schließlich
erst einmal leisten können.
Seit 2004 scheint jedoch auch dieser Abwärtstrend besiegt,
die Deutschen hoffen wieder und investieren in den Sechser im Lotto.
Was bei einer wahrscheinlichen Gewinnchance von erklecklichen 0,0000000715
% (Spiel 6 aus 49) ganz sicher alles andere als ein Ding der Unmöglichkeit
ist. Das möchten wir zumindest gerne glauben. Im Zweifel hoffen wir
es nur. Und, seien wir ehrlich, diese dubiose Materie der
Wahrscheinlichkeitsrechnung hat doch eigentlich niemand von uns
jemals wirklich begriffen. Was aber, wenn wir das Lotto nicht hätten?
Nicht nur unserem Bangen und Hoffen ginge es schlecht, auch der
Staat und der öffentliche Haushalt würden fraglos einige bittere
Tränen vergießen.
Dennoch stellt sich die Frage, was uns dazu anhält, unsere
ersehnte Erfüllung beharrlich im Glücksspiel zu suchen. Es stellt
sich die Frage, welche Funktion Lotto und Co. in der neuzeitlichen
Moderne erfüllen, insbesondere in Zeiten der wirtschaftlich debilen
Lage. Denn kann es nicht sein, dass wir heute nicht mehr spielen, um
uns zu vergnügen, sondern dass aus unserem einstigen Flirt mit dem
Kitzel inzwischen bitterer Ernst geworden ist?
Immerhin ergibt die Befragung der bundesdeutschen Bevölkerung
zum Thema Glück, dass der durchschnittliche Bürger nicht nur
Gesundheit, Sorgenfreiheit und das Wohlbefinden der eigenen Familie,
sondern ebenfalls den Sechser im Lotto am häufigsten mit der
Begrifflichkeit "Glück" assoziiert. Ein glückloses
Deutschland spielt Lotto und Toto? Offen bleibt, ob wir den Traum
vom beispiellosen Glück auf ewig verabschieden müssen, wenn uns
der große Gewinn denn niemals vergönnt sein soll.
Wenn wir es zugeben, träumen wir alle von der Million. Wer
sie nicht will, der hat sie schon. Sollten wir allerdings davon
ausgehen, dass uns der Lottogewinn das wahrgewordene Idyll des
vollkommenen Glücks garantiert, dann täuschen wir. Im Gegenteil
enthüllen lehrreiche Studien eine ganz andere Realität: Abgesehen
von einer vorübergehenden Hochstimmung zeigt der Lottogewinn nur
wenig Auswirkung auf unser Leben und auf unsere Grundpersönlichkeit.
Denn wir gewinnen zwar Millionen, nicht aber die Fähigkeit zum Glücklichsein.
Ein langfristig glücklicher Lottomillionär ist somit ausschließlich
der, welcher sich bereits vor seinem Gewinn auf das Glück verstand.
Hingegen wird der ewig trübsinnige Grübler und Zweifler ebenfalls
angesichts seines überraschenden Triumphs irgendwann zu seinem
einstigen Missmut zurückkehren müssen. Und folglich nicht glücklicher
sein. Fazit: Früher oder später fühlen wir uns auch mit den
Millionen auf dem Konto ganz einfach nur wie eh und je.
Geld macht nicht glücklich, letztlich eine Geschichte mit
Bart. Der wir dennoch nie Glauben schenken, bis wir sie dereinst
selbst erleben. Aber: Wo versteckt es sich denn nun, unser beständiges
Glück?
Sogenannte Glücksforscher haben sich auf die Suche
begeben. Ihr Ergebnis: Glücklich macht uns nicht das blitzartige,
scheinbar unverdiente Glück, und somit wider Erwarten auch kein
Lottogewinn dieser Welt, wahrhaft glücklich machen uns die
immateriellen Güter dieser Existenz. Soziale Beziehungen, Freunde,
Familie, Liebe, Optimismus und Lebenslust. Die großen und kleinen
sowie gänzlich selbstverdienten Erfolge.
Wenn es um unser unverfälschtes Glück gehen will, ist der
Begriff unserer gelungenen Selbstverwirklichung jedoch effektiv die
sicherste Formel. Individualität, Talententfaltung, Freiheit und
der authentische Ausdruck sind demnach einige der Größen, die uns
zuverlässig den Weg gen Freude weisen. Termini, die uns selten im
Stich lassen, wenn das beständige Glück Form und Gestalt annehmen
soll. Fragt sich: Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt
so nah?
Dass wir unser Glück dennoch unverdrossen im großen Geld
und im totalen Gewinn vermuten, ist letztlich symptomatisch für ein
Gesellschaftsmodell, welches die Worte Erfüllung und
Selbstverwirklichung nach wie vor klein und in Klammern schreibt.
Lotto und Co. erfüllen daher heute nicht mehr die Funktion eines
vergnüglichen Spiels oder des unbedarften Zeitvertreibs, sondern
sind zu den Platzhaltern unseres unbedingten Strebens nach Erfüllung
geworden. Zu den Repräsentanten der irrtümlichen Wahrheit, dass
Geld die Welt und somit vermutlich auch unser Glück regiert.
Während wir demnach über das stets knappe Geld und die kränkelnde
Wirtschaft klagen, gilt uns die Selbstverwirklichung zumeist als ein
Luxusgut. Als das Recht der Betuchten. Der Geschickten. Der
Gerissen. Eben als Luxus. Moment – Luxus? Ganz genau,
Selbstverwirklichung ist Luxus. Ein Reichtum, der vorerst dennoch
keines müden Cents bedarf, sondern dessen Währung allein die
Erkenntnis ist. Die Einsicht einer Gesellschaft, die nicht länger
an dem Begreifen spart, dass die Indienstnahme der individuellen Befähigung
mit Abstand die beste Investition für das Unternehmen Zukunft ist.
Ein ideeller Wohlstand, der zugleich die weitaus realistischere
Chance auf unsere echte Erfüllung in sich birgt.
Wenn es daher jedes Mal nur die wenigen sind, die einen überbordenden
Reichtum und den absoluten materiellen Wohlstand in sich vereinen, können
wir den ungehinderten Selbstausdruck dagegen den vielen gewähren.
Denn Geld ist zwar ein gängiger Tauschwert, nicht aber das
Zahlungsmittel für Erfüllung und Glück.
Warum also spielen wir Lotto? Vielleicht, weil wir noch gar
nicht wussten, wie glücklich unser eigenes Talent uns machen
kann.
©
Saskia Katharina Krost
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Originaltext [(Vorsicht)
Starke Worte]
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